Mittelmeer, Alpen, Rhein 2023 – 3067 km

Mittelmeer, Alpen, Rhein 2023 – 3067 km

23.04. Heute geht’s los – der erste Abschnitt meiner Reise führt mich gemeinsam mit meiner Frau Bine zur Biogartenmesse am Schloss Türnich. Rund um das Schloss breitet sich eine beeindruckende Kulturlandschaft aus: der preisgekrönte Schlosspark mit seinen weitläufigen Gärten, Feldern und versteckten Wegen. Während der Messe streifen wir durch das Labyrinth, entdecken den Heilpflanzengarten, werfen einen Blick in den Market Garden und spazieren entlang der Agroforstflächen. Überall wächst, blüht und summt es – eine lebendige Mischung aus Gartenkunst, Landwirtschaft und Natur. Im historischen Stallgebäude des Schlosses, dort, wo früher Pferde untergebracht waren, befindet sich heute ein gemütliches Bio-Café. Mit Blick auf Schloss, Vorburg und den Weiher legen wir eine Pause ein. Auf den Tellern landen hausgemachte Köstlichkeiten aus besten demeter-Zutaten vom eigenen Hof. Während der Biogartenmesse verwandelt sich das gesamte Gelände in eine Bühne für Genuss, lebendiges Grün und viele inspirierende Begegnungen.

Nach Bio-Pommes, Kaffee und Kuchen heißt es Abschied nehmen. Unsere Wege trennen sich: Bine fährt zurück nach Hause, während ich meine Reise allein fortsetze. Hinter Türnich führen zunächst gut ausgebaute Radwege durch die Landschaft. Trotz des längeren Aufenthalts komme ich am Ende des Tages noch auf 132 Kilometer – allerdings gegen einen extrem starken Gegenwind. In solchen Momenten bin ich froh über mein E-Bike, denn in Richtung Eifel warten auch noch einige Berge. Am Abend verschlechtert sich das Wetter. Dunkle Wolken ziehen auf, und ich baue mein Zelt schließlich im Regen auf. Zum Glück gibt es hier ein Restaurant. Dort sitze ich nun mit meinem zweiten Bier, lasse den ersten Reisetag Revue passieren und schreibe diese Zeilen. Nass bin ich zwar geworde aber die Reise hat begonnen.

24.04.2023 – Nach einer klatschnassen Nacht beginnt der Tag genau so, wie der vorherige aufgehört hat: mit kräftigem Gegenwind. Ein kurzer Blick in den Spiegel verrät mir schonungslos die Wahrheit – ich sehe heute tatsächlich genauso alt aus, wie ich bin. Der Wetterbericht hatte leichten Regen für den Morgen angekündigt, und leider behält er recht. Doch ab 11 Uhr soll es deutlich besser werden.

Ein Stück weit folge ich dem wunderschönen Kyll-Radweg Richtung Bitburg, und langsam fühlt sich die Welt wieder etwas freundlicher an. Wäre da nur nicht diese Sache mit den Steigungen – auch hier hat es die Strecke in sich. Vielleicht ist es also wirklich besser, den Spiegel einfach nicht noch einmal zu bemühen.

Tatsächlich bleibt es die meiste Zeit trocken, und mit jedem Kilometer wird es ein wenig wärmer. An den Schildern erkenne ich schließlich: Ich bin in Luxemburg. Der Radweg ist vorbildlich ausgebaut, und obwohl der Tag am Morgen alles andere als vielversprechend begonnen hatte, komme ich erstaunlich gut voran.Am Ende schaffe ich die knapp 140 Kilometer bis nach Remich – trotz wieder auffrischendem Wind und einer ausgefallenen Fährverbindung, die mir eigentlich eine kleine Pause verschaffen sollte.Dort schlage ich mein Zelt direkt am Ufer der Mosel auf. Ein langer, anstrengender Tag liegt hinter mir. Und vielleicht ist es wirklich besser, auch heute noch keinen Blick in den Spiegel zu werfen.

Da sollte laut Navi eine Brücke sein. Die ist bei der großen Flut weggeschwemmt worden.

25.04. – Heute führt mich die Route den ganzen Tag über den Moselradweg – und der macht seinem guten Ruf alle Ehre. Perfekt ausgebaut, eingebettet in eine wunderschöne Landschaft und vor allem: keine nennenswerten Berge. Für Genussradler ist dieser Abschnitt wirklich eine klare Empfehlung. Der Moselradweg beginnt im französischen Metz und endet im rheinland-pfälzischen Koblenz. Dazwischen schlängelt er sich über rund 310 Kilometer durch die Ausläufer von Eifel und Hunsrück – stets treu an der Seite des Flusses, der ihm seinen Namen gibt. Unterwegs werde ich immer wieder freundlich mit einem „Bongschur“ begrüßt. Nach kurzem Grübeln wird mir klar: Ich bin inzwischen in Frankreich.  Eigentlich hatte ich mir für heute eine eher entspannte, kürzere Etappe vorgenommen. Doch als ich den ausgesuchten Campingplatz erreiche, ist er geschlossen. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterzufahren – am Ende werden es doch wieder rund 130 Kilometer, bis ich kurz vor Nancy schließlich ein günstiges Hotel finde. Viele meiner Sachen sind seit letzter Nacht noch immer klatschnass, und weil es unterwegs immer wieder regnet, hatte ich keine Chance, sie zu trocknen. Also verwandelt sich das kleine Hotelzimmer kurzerhand in einen improvisierten Trockenraum. Als ich mein Bike in den Abstellraum schiebe, entdecke ich dann noch die nächste Überraschung: Mindestens eine Speiche ist gebrochen. Mal sehen, ob ich das morgen irgendwie repariert bekomme.

26.04. – Die Sonne scheint, die Temperaturen sind aber noch im einstelligen Bereich. Es sind tatsächlich zwei Speichern abgerissen, genauer gesagt, die Speichennippel. Also geht’s erstmal ans Reparieren. Ich habe gottseidank vier Ersatzspeichen dabei und kann weiterfahren. Die Strecke ist genauso schön, wie gestern. Selbst durch Nancy fährt man größtenteils am Wasser längs, ohne Kontakt zum Verkehr. Zum Teil geht es zwischen zwei Gewässern längs: zu meiner Rechten der Vogesenkanal, zu meiner Linken die Mosel. Der Blick wandert zwischen einem ruhigen, geradlinigen Wasserlauf auf meiner Höhe und dem Fluss, der sein Gesicht je nach Mäander verändert.

Das Wetter hält sich, der erste Tag ohne Regen. Trotzdem sind nur wenige Radler unterwegs – ob das mit der Verkehrswende noch was wird? Die Reparatur hat viel Zeit gekostet, deshalb rufe ich sicherheitshalber beim anvisierten Campingplatz an. Der ist tatsächlich geschlossen und die beiden anderen möglichen auch. So bleibe ich in Epinal und kann abends noch draußen sitzen.

27.04. – Hinter Épinal verlasse ich den Moselradweg und folge stattdessen dem Canal des Vosges in Richtung Jussey. Die Strecke führt über nahezu autofreie Wege, immer dicht am Wasser entlang. Die Wege sind weiterhin hervorragend ausgebaut – hier lässt es sich tatsächlich radeln wie Gott in Frankreich. Die rund 80 Kilometer lange Etappe führt durch das industrielle und schiffbare Erbe der Region. Immer wieder tauchen entlang des Kanals Bauwerke auf, die von der großen Bedeutung des Industriezeitalters erzählen. Manche der alten Gebäude sind dem Verfall überlassen, andere werden liebevoll restauriert und zu neuem Leben erweckt. Der Vogesenkanal selbst wurde einst gebaut, um den Gütertransport über das Wasser zu fördern – heute wirkt die Strecke dagegen ruhig und fast entschleunigt. Auch das Wetter spielt immer besser mit. Am Nachmittag fühlt es sich fast schon hochsommerlich an, während ich weiter am Ufer der Saône entlangradle. Allerdings führt die Route nur durch wenige Orte. Cafés sind rar, Geschäfte ebenfalls – Verpflegung unterwegs wird damit zur kleinen Herausforderung. Als ich schließlich den anvisierten Campingplatz erreiche, wartet die nächste Überraschung: wieder geschlossen. Trotzdem bleibe ich. Da ich der einzige Gast bin, liegt der Platz still und friedlich da – direkt am Ufer, nur das Wasser und ein paar Geräusche der Natur. Fast schon ein kleiner Luxus nach so vielen Kilometern.

28.04. – Heute morgen regnet es. Da ich mein Zelt unter einem Dach stehen hatte, kann ich im Trockenen abbauen. Ich fahre 30 Kilometer und gehe in eine Crêperie, um zu frühstücken. Die Besitzerin streitet sich die ganze Zeit lautstark mit einem Mann und beachtet mich kaum. Immerhin gelingt es ihr, nebenbei einen Kaffee zu machen. Als ihr Gesprächspartner weg ist telefoniert sie und stellt dabei den Lautsprecher auf volle Lautstärke. Eigentlich braucht sie kein Telefon, denn sie schreit so laut, dass sie zumindest im Nachbarort auch so zu verstehen wäre. Fürchterlich, aber immerhin bekommt mein Akku etwas Strom, worüber er sich genauso freut wie ich. Es hat aufgehört, zu regnen und es wird immer wärmer. Sicherheitshalber docke ich meinen Akku dann noch ungefragt an einem Yachthafen an. Fragen nützt nichts, denn keiner spricht hier Englisch und die Deutschkenntnisse der Menschen hier entsprechen meinen Französischkenntnissen. „Guten Tag, vielen Dank, ich liebe dich“ (was weder die Franzosen noch ich gebrauchen). Ich dachte immer, Englisch wäre auch hier Pflichtfach.

Nach einem kurzen Gewitter kann ich beim Abendessen im T-Shirt draußen sitzen und den Blick auf das Wasser genießen.

Die weitere Tour steht ganz im Zeichen der Vielfalt, die der Fluss Saône bietet durch kleine Städte voller Charme und Geschichte in einer außergewöhnlich ursprünglichen Umgebung.

29.04. – Heute ist ein herrlicher sonniger Tag und es geht flott voran. Nach und nach wird es touristischer.

Überall am Ufer der Saone bauen Menschen ihre Picknickzelte auf. Auch ich kann hier den schattigen Platz nutzen und gleichzeitig die Kühle des Flusses direkt nebenan spüren. Mittlerweile sind viele Fahrradfahrer unterwegs.

Sehr früh am Nachmittag erreiche ich Macon, eine größere Stadt, in der ich einen geruhsamen Abend verbringen und die Stadt ansehen möchte. Als ich mein Fahrrad abschließen will, stelle ich fest, dass ich mein Schloss verloren habe. Der nächstgelegene Bikeshop hat gerade sein letztes verkauft, schenkt mir aber einige Speichennippel für künftige Reparaturen. Der nächste Laden ist fünf Kilometer in die andere Richtung. Er hat nur das Edle mit Alarmanlage für 150 €. Auf dem Rückweg schiebe ich mein Bike durch die Fußgängerzone und sehe mir die Stadt an. Als ich weiterfahren will, stelle ich fest, dass ich die Brille verloren habe. Schnell zurück. Ich finde sie tatsächlich. Jemand hat bereits draufgelatscht und ein Glas liegt auf der anderen Seite. Zerkratzt! Sie ist aber für die Tour noch zu gebrauchen. So geht der Tag nicht so geruhsam zu Ende, wie ich mir das gedacht hatte.

30.04. – Heute morgen ist es kühler und bewölkt, was zum Fahren optimal ist und meinen Handrücken guttut, die bereits einen Sonnenbrand haben.  Die gut ausgebaute Strecke nach Lyon verläuft weiter entlang dem Ufer der Saône. Der Fluss offenbart sich zwischendurch in all seiner Wildheit. Mittags schon erreiche ich Lyon. Die typische Atmosphäre der Altstadtgassen verzaubern mich.

Anschließend kommen alle Varianten von Wegen, von der viel befahrenen Straße bis zum Singletrail, der eigentlich nur mit dem Mountainbike zu befahren ist.

Die Landschaft ändert sich langsam: Sie wird auf beiden Seiten der Rhône bergiger. In der Ferne kann man die Weinberge der Côtes-du-Rhône erspähen. Besonders schön sind auch die Hängebrücken, die mich auf die andere Uferseite bringen. Ab und an radelt man zwischen zwei Wasserläufen: Auf der Insel Platière geht es zwischen der Rhône und ihrem Kanal entlang. Der Kanal ermöglicht es, das Hochwasser des Flusses besser zu kontrollieren. Wieder gibt’s einen Campingplatz direkt am Fluss.

01.05. – Gutes Wetter, gute Wege, schöne Landschaft, teilweise Rückenwind – alles perfekt. Fahre heute 163 Kilometer. Das bunte Treiben auf den Märkten, die prächtigen Gärten und belebten Stadtviertel in Valence sind ein Vorgeschmack auf die bezaubernde Atmosphäre der Provence.

02.05. – Strahlendblauer Himmel. Immer mehr bepackte Biker kreuzen meinen Weg. Die 75 Kilometer bis Avignon reiße ich vormittags ab und nehme ein Zimmer. Ich kann mein Bike und Gepäck deponieren und habe den restlichen Tag für ausgiebiges Sightseeing. Mal schauen, wo der Spatz wohnt (nur für Insider). Da es sehr stürmisch ist, wäre Fahrradfahren eh beschwerlich. Avignon gehört zu den eindrucksvollsten Städten der Provence. Der prachtvolle Papstpalast, die berühmte Rhône-Brücke und die Altstadt sind Highlights. Die verbindet mittelalterliche Pracht mit südfranzösischem Flair. Avignon ist nicht nur historisch bedeutsam, sondern auch lebendig, charmant und überraschend vielseitig. Ich schlendere durch enge Altstadtgassen und genieße den Sonnenuntergang mit Blick auf den Papstpalast, dem größten gotischen Bauwerk Europas. Er wurde im 14. Jahrhundert erbaut und diente mehreren Päpsten als offizieller Wohnsitz. Er thront auf dem Rocher des Doms und beeindruckt mit seinen massiven Mauern, prunkvollen Sälen, Kapellen und kunstvollen Wandmalereien. Über 20 Räume des Palastes sind für Besucher zugänglich.

03.05. – Heute lasse ich mir Zeit und komme erst spät in die Gänge. Zunächst rolle ich entspannt über schmale Wirtschaftswege, später folgt die Route einem Kanal entlang – ruhig, idyllisch, bei wolkenlosem Himmel. Die Landschaft wirkt zunehmend mediterran, und bei 25 Grad ist es zum Radfahren fast schon ein wenig zu warm. Etwa 30 Kilometer vor dem geplanten Etappenziel passiert dann etwas, womit ich nun wirklich nicht gerechnet habe: Plötzlich befinde ich mich auf der Autobahn. Wie ich dort gelandet bin, bleibt mir ein Rätsel. Zurück geht es jedenfalls nicht – keine Auffahrt, kein Seitenstreifen, dichter Verkehr. Eine kleine Seitenstraße bringt mich immerhin in ein verlassen wirkendes Industriegebiet. Doch auch hier: kein Ausgang. Schließlich fasse ich mir ein Herz und sprinte wagemutig auf die andere Seite. Dort lande ich an einer Container-Verladestation der Bahn – ein Labyrinth aus Wegen, die entweder abrupt enden oder wieder zurück auf die Autobahn führen. Zum Verzweifeln.

Mit Hilfe von Komoot finde ich schließlich ein paar Schotterpfade, die kaum als Wege zu erkennen sind. Sie führen zwischen und über Gleise, irgendwo im Nirgendwo. Mir und meinem Bike wird alles abverlangt.

Nach anderthalb Stunden Irrfahrt erreiche ich endlich wieder eine normale Straße. Entsprechend spät komme ich am Campingplatz an – der natürlich geschlossen ist. Zum Glück stehen dort ein paar Dauercamper, und einer von ihnen öffnet mir schließlich das Tor. So bekomme ich doch noch einen Platz, fast ganz für mich allein. Bezahlt wird am nächsten Morgen beim sichtlich überraschten und leicht mürrisch dreinblickenden Besitzer.

04.05. Weiterhin traumhaftes Wetter. Die Steigungen werden härter, aber durch spektakuläre Ausblicke belohnt.

Am Meer angekommen, gibt es ein entspanntes Frühstück im turbulenten Marseille.

Fahrradfahren ist hier abenteuerlich, die Autofahrer sind rücksichtslos. Anstatt 1,50 Meter Abstand sind 15 cm die Regel.

Die Berge werden extrem und Fahrradwege selten. Trotz höchster Zuschaltung muss ich an einer Stelle absteigen und mit Schiebehilfe zu Fuß weiter. Ich schaffe kaum noch Strecke.

05.05. – Heute läuft es zunächst super. Viele Radwege führen entlang der Küste, zum Teil ungepflastert und holprig. Immer wieder öffnen sich wunderschöne Blicke auf das türkisblaue Meer. Ich komme gut voran. Bei Saint Tropez ist es leider wieder so weit: drei Speichen hängen klackernd daneben. Beim Aufpumpen reißt mir dann noch unglücklicherweise das Ventil ab. Reparatur mit Meerblick – immerhin. Der Rest des Tages läuft dann wie geschmiert mit einem tollen Downhill-Trail bis Frejus.

06.05.- Heute ist ein Traumtag. Es geht bei herrlichem Wetter und spektakulären Ausblicken bis Cannes an der Küste entlang. Wenig Verkehr und die Idioten schlafen entweder länger oder nehmen die Autobahn.

Der Strand in Nizza ist enttäuschend, dafür gibt’s top Fahrradwege.

Monaco will ich mir näher ansehen. Ich war einmal vor vielen Jahren mit Dschinghis Khan zu einer Veranstaltung hier, mal schauen, an was ich mich erinnern kann. Also fahre ich rein. Überall Polizei. Ich gerate in große Menschenmengen, alle Wege, die ich fahren will, sind gesperrt. Zu spät realisiere ich, dass hier ein Rennen stattfindet, nämlich die Formel-E-Weltmeisterschaft, wie ich später erfahre. Nur mit der Hilfe freundlicher Polizisten komme ich irgendwie wieder aus dem Gedränge heraus.

Also weiter nach Italien. Ich schaffe es bis San Remo zum teuersten Campingplatz, den ich bisher erlebt habe.

07.05. – Den ganzen Tag geht’s an der Küste längs, wider Erwarten die ersten 25 Kilometer auf einem Radweg ohne Steigungen. Superschön. Später dann häufiger durch wuselige Urlaubsorte.

Die Mittagspause verbringe ich wieder mit Speichenreparaturen. Die Nippel reißen reihenweise ab. Muss wohl eine Fehlproduktion gewesen sein. Achthundertmal Pumpen trainiert die Arme.

Die Frau auf dem Campingplatz warnt mich vor nächtlichem Starkregen und meint, ich soll lieber ein Hotel in Varazze nehmen (vorher noch nie gehört), was ich dann auch mache.

08.05. – Noch 30 Kilometer Küste, dann verlasse ich das Mittelmeer, das sich die ganze Zeit von seiner türkisblauen Seite gezeigt hat. Der Regen ist ausgeblieben. Die Gegend um Genua ist ätzend zu fahren. Auch die Italiener scheinen am Wettbewerb „Wer schafft es, den kleinsten Abstand zwischen Auto und Radfahrer zu bringen, ohne den Radfahrer zu berühren“, teilzunehmen. Ich muss höllisch aufpassen. Dann geht’s in die Berge. 1020 Höhenmeter sind es heute. Einmal ist die steile Abkürzung plötzlich durch ein unüberwindbares Eisentor verschlossen und ich muss die ganze Strecke zurück. Ein anderes Mal verfahre ich mich und zwischen mir und der geplanten Strecke liegt die Auto- und Eisenbahn. Über eine private Pfauenfarm gelingt mir schließlich der Anschluss. So mache ich einige Kilometer extra.

09.05. – Nach so vielen Sonnentagen ist es bewölkt und das ist zum Fahrradfahren sehr angenehm. Gemächlich geht es über verkehrsarme Nebenstraßen, die wenigen Autofahrer sind erstaunlich rücksichtsvoll. Fahrradwege entlang eines Kanals und eine ehemalige Trasse machen das Reisen relaxt. Duftende Blumen und viele Tiere säumen den Wegesrand.

So komme ich in den Voralpen an und hier wird die Strecke zum Schluss doch noch recht abenteuerlich – auch sind die Verkehrsrowdies zurück.

Die Zweitausend-Kilometer-Marke ist überschritten.

10.05. – Das war eine absolut beschissene Nacht. Weil es leicht nieselte, hatte ich das Zelt unter einem Baum aufgebaut. Als ich mich schlafen legte, kam Sturm und Starkregen auf. Erste kleine Äste fielen aufs Zelt. Also raus und im strömenden Regen das Zelt auf einen anderen Platz gestellt. Jetzt tropft es an mehreren Stellen rein und ich decke meinen Schlafsack so gut es geht mit den Regensachen ab. So bekomme ich doch noch etwas Schlaf. Die Weiterfahrt läuft dann gut, am Luganer See vorbei.

Ich fahre bis zum Campingplatz Gottardo, der auf 700 Meter Höhe ein guter Ausgangspunkt für den anstehenden Gottardpass sein dürfte. Dort bekomme ich ein Zimmer und habe Zeit zu relaxen und die nassen Sachen zu trocknen.

11.05. – Es geht früh los, schließlich will ich nun den entscheidenden Pass mit 2130 Höhenmetern hoch. Nach einiger Zeit steht auf dem Straßenschild, dass der Pass gesperrt sei. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass das der Fall sein könnte und sehe auch keine Alternative. Die Internetrecherche zeigt, dass die Wintersperre erst in einer Woche bei gutem Wetter aufgehoben wird. Bei 1500 Metern kommt die Schranke. Die Temperatur sinkt unter die Frostgrenze. Ich bugsiere das Bike irgendwie durch, ziehe Handschuhe und Mütze an und strampele gegen Schneeregen, Nebel und Sturm an. Die Straße habe ich für mich allein. Der Blick nach oben verheißt nichts Gutes.

Überall liegen noch größere Schneeblöcke. Hoffentlich geht das gut. Wenn ich nur irgendwie hochkomme, runter geht’s ja normalerweise von allein. Ich schaffe es. Die Sicht reicht nur wenige Meter. Die Gebäude hier oben strahlen die Verlassenheit förmlich aus.

Mit Speed auf der anderen Seite runter, unter der Schranke her, sitze ich jetzt durchgefroren in Andermatt im Cafe und während mir wärmer wird, lade ich den Akku etwas auf. Ein großes Abenteuer.

Es geht noch 20 weitere Kilometer runter, da kommt Freude auf. Gemütlich fahre ich bis zum Vierwaldstätter See. Die Temperatur ist wieder auf erträglichen 13 Grad.

12.05. – Entlang einiger weiterer Schweizer Seen geht’s Richtung Deutschland. Im Gegensatz zur italienischen Küste hat man bei allen Tunneln auch kleinere für Fußgänger und Biker gebaut. Die Preise in den Restaurants sind happig und die Schweiz scheint das einzige Land in Europa zu sein, wo das Roaming nicht funktioniert. Selbst England erhebt keine Extragebühren.

13.05. – Ein herrlicher sommerlicher Tag. Auf einer Velostraße kommt man den Rhein entlang durch Basel, ohne mit dem Großstadttrubel konfrontiert zu werden. Wie sonntags bei dem Wetter nicht anders zu erwarten war, haben die Menschen ihre Fahrräder rausgeholt und bevölkern den Deich. Bei der Mittagspause läuft plötzlich ein Artist über den Köpfen der Menschen her. Es ist wohl der Auftakt zu einem Stadtfest.

Ein netter Fahrradfahrer empfiehlt mir, den Rheinradweg auf französischer Seite zu nehmen. Der führt entlang eines Kanals mit wilder Vegetation bis ins Herz von Straßburg und ist wirklich ausgesprochen schön.

Eigentlich wollte ich gar nicht so weit fahren, aber ich kriege erst in Straßburg eine Unterkunft und so sind es dann 170 Kilometer. Als ich schnell noch in den Supermarkt gehen will, um ein paar Snacks zu holen, laufe ich in die falsche Richtung und komme am Stadion vorbei, wo gerade ein Meisterschaftsspiel beendet ist. Die Menschenmassen befördern mich wieder zurück. Im Hotel zeigen sie auf riesiger Projektion BVB gegen Gladbach.

14.05. – Heute Morgen wird das Sightseeing nachgeholt. Auch hier gibt es wieder ein Rennen. Diesmal sind es Läufer, weswegen einige Straßen gesperrt sind. Egal, ich wollte eh schieben.

Zurück in Deutschland fahre ich den Rheinradweg der lange Zeit direkt auf dem Deich am Wasser längsführt. Ich muss einige Umwege fahren, da immer mal wieder, wenn der Weg zum Fluss runtergeht, die Weiterfahrt durch Hochwasser unmöglich wird.

15.05. – Das Wetter hat gehalten. Direkt an einem kleinen See packe ich mein Zelt ein und frühstücke an diesem netten Platz in Phillipsburg. Wenn man einige Zeit durch Frankreich und Italien gefahren ist, lernt man es zu schätzen, wie rücksichtsvoll die deutschen Autofahrer sind. Ein himmelweiter Unterschied. Meistens geht es aber auch heute auf Wegen abseits des Verkehrs.

Nach einem kurzen Sightseeing in Speyer fahre ich heute nur etwas mehr als 100 Kilometer und niste mich in einem guten Hotel ein, um etwas zu relaxen und Körperpflege zu betreiben.

16.05. – Nierstein – nie gehört (erinnert ja eher an einen Krankenhausaufenthalt), aber das Hotel ist wirklich fantastisch. So geht es gestärkt weiter den Rhein entlang; kühl und bedeckt, nachmittags sogar mit etwas Sonne. Jetzt kommen die Burgen des Mittelrhein – schön, aber der Weg läuft natürlich immer parallel zur Straße und Bahn. Der Gegenwind ist der extremste, den ich bisher hatte und das drückt aufs Tempo. Auch heute fällt eine Fähre aus. Am Deutschen Eck, da, wo die Mosel in den Rhein fließt, nehme ich eine ungewöhnlichere Unterkunft.

17.05. – Warum macht man so etwas eigentlich, werde ich gefragt. Nun, natürlich um etwas von der Welt zu sehen. Mich lockt das Abenteuer. Nicht zu wissen, wie es morgen weitergeht. Wenn man den ganzen Tag draußen ist, merkt man, wie die Landschaft und das Klima sich langsam verändern. Eine andere, sehr intensive Wahrnehmung. Ich finde es sehr meditativ, einfach so vor sich hinzuradeln, man kann abschalten vom Alltag. Natürlich nur, wenn einen keine rabiaten Autofahrer abdrängen. Ein wichtiger Aspekt ist sicherlich auch die Gesundheit. Alle Ratschläge der Mediziner deuten darauf hin, dass es nichts Besseres gibt, als in der Natur zu sein und Fahrrad zu fahren oder zu wandern, um fit zu bleiben. Dann gibt es natürlich noch die ökologischen Aspekte. Fliegen und Autofahren …. , aber das kennt man ja. So versuche ich, meinen kleinen Teil beizutragen. Auch beim Fahrradfahren gibt es Reifenabrieb, aber doch deutlich weniger. Irgendwie ist es ein bisschen von allem.

So, genug geschwafelt. Von Koblenz ist es nur noch eine Tagesetappe und die Gegend kennt man ja. Heute morgen ist es verdammt kühl und es nieselt ein wenig, aber am Nachmittag lässt sich sogar die Sonne wieder blicken. Gerade habe ich die 3000-Kilometer-Marke überschritten und insgesamt viel weniger Zeit für die Tour gebraucht, als gedacht.

So, nach 140 Kilometern zuhause angekommen – insgesamt waren’s jetzt 3067 Kilometer.