Lykischer Weg, Türkei ca. 500 km, April/Mai 2026

Die Türkei hatte ich nicht unbedingt auf dem Schirm, wenn es ums Trecking geht, bis ich vom Lykischen Weg gelesen und gehört hatte. Der Lykische Weg wurde 1999 als erster Fernwanderweg der Türkei eingeweiht und gilt heute als einer der schönsten der Welt, selbst das National Geographic Magazin nahm ihn in die Top Ten auf. Alte Steige, Migrationswege und Maultierpfade sind zu einem zusammenhängenden Fernwanderweg verbunden. Der lykische Pfad folgt dem Verlauf der türkischen Mittelmeerküste über eine Strecke von ca. 500 Kilometern. Dabei wandert man in unmittelbarer Nähe zum Meer, andere Abschnitte führen einen in das gebirgige und abgeschiedene Hinterland Westanatoliens.

Der Weg ist nach Lykien benannt. So hieß diese Landschaft in der Antike. Einige der Ruinen, denen man auf dem Weg begegnet stammen aus der Zeit um 800 vor Christus, als die Lykier schon hier lebten. Dann kamen die Perser, die Griechen und die Römer und zwischendurch immer wieder Piraten, die in den versteckten Buchten ankerten.

29.04.2026

Man kann ja viel über die Deutsche Bundesbahn schimpfen, aber heute war meine Verbindung auf die Sekunde genau pünktlich. Auch die Aufgabe des Rucksacks, den ich dieses Mal in einem Sack verpackt hatte, damit er nicht ins Sperrgepäck gebracht werden musste, verlief reibungslos (an der Gepäckausgabe kam er allerdings trotzdem erst als vorletztes Teil auf dem Förderband). Bei der Passkontrolle wurde es dann interessant. Die Taschen meiner Hose lassen sich mit einem Reißverschluss verschließen, so haben Taschendiebe bei mir schlechte Karten. Als ich meinen Ausweis aus der Tasche ziehen will, reiße ich den Verschluss ab. Die Tasche ist zu – peinlich. Erst mit Gewalt gelingt es mir, dem Namen Reißverschluss gerecht zu werden und ihn aufzureißen. Jetzt ist er kaputt und Taschendiebe haben wieder eine Chance, aber ich darf einreisen. Antalyas Altstadt ist sehr schön und mein Hotel liegt mittendrin. Allerdings wird hier auch in der Nebensaison bis weit in die Nacht hinein gefeiert und der Lärm lässt sich nicht aussperren.

30.04.2026
Mit dem Kleinbus fahre ich durchs Inland in den Ausgangsort meiner Reise: Fethye. Die Fahrt geht durch hohes Gebirge und trotz der sommerlichen Temperatur sind in der Ferne noch Schneefelder zu sehen.Es bleibt nach der Ankunft noch etwas Zeit, den nahegelegenen Ölüdeniz-Strand zu genießen und viele Gleitschirmflieger, die vor der beeindruckenden Felskulisse schweben, beim Landen zu beobachten. Diese Traumlagune war lange Zeit ein Geheimtipp für Individualreisende, jetzt wohl nicht mehr.

Hier gibt es heute keinen Tanz in den Mai, es ist noch relativ beschaulich, in der Hauptsaison ist bestimmt der Teufel los.

01.05.2026

„Ich komme aus Washington D.C., bin aber absolut kein Trump-Freund“, beginnt das erste Gespräch, das ich mit Schnappatmung auf dem Weg nach oben führe. Der Lykische Weg ist offensichtlich mittlerweile weltweit bekannt. Ich treffe Hiker aus allen möglichen Nationen, sogar ein türkisches Paar ist darunter. Man hatte mir gesagt, dass Türken eigentlich nicht wandern. „Du bist doch bestimmt Musiker, unser Sohn spielt auch in einer Rockband“, berichtet der Mann und hält mir das entsprechende Handyfoto vor die Nase. Dass die beiden mich alten Sack so kategorisieren, macht mich stolz, doch dann fällt mir ein, dass viele meiner Heroes mittlerweile über 80 sind oder schon nicht mehr leben. Dass ich noch lebe, signalisieren mir allerdings bald meine Beine deutlich. Die erste Etappe beginnt direkt mit einem mächtig steilen Aufstieg des Berges Baba Dağı. Der Himmel strahlt in seinem schönsten Blau, die paar Sträucher, die auf dem Berg sind, spenden kaum Schatten. Der Weg ist felsig und verlangt die volle Aufmerksamkeit, das Geröll rutscht mir häufig unter den Füßen weg. Der Pfad ist selten breiter als die Bresche, die Ziegenherden hier seit Jahrhunderten schlagen. Wie Ziegen läuft nun auch eine Gruppe Hiker in einer Reihe hintereinander her. Sie versuchen den losen Gesteinsbrocken auszuweichen, die überall im Weg liegen – ich auch.

Das Gebirge, durch das der Weg führt, ist deutlich, höher, steiler und felsiger als unsereins sich das vorgestellt hat. Die Ausblicke über die Buchten sind immer wieder spektakulär und entschädigen für die Plackerei. Man muss den Drang, ständig zu fotografieren unterdrücken, sonst würde man nicht weit kommen.

Die Tagesetappen werden in Stunden angegeben, da man bei dem ständigen auf und ab keine Kilometer schinden kann. Schon am frühen Nachmittag erreiche ich das Etappenziel und beschließe, noch etwas weiter zu ziehen. In den nächsten Stunden begegne ich keinem einzigen Wanderer mehr, nur eine große Schlange mit auffallend schwarzweißem Muster kreuzt meinen Weg. Der Abstieg zum Strand verlangt mir alles ab und ermüdet schlage ich auf einem urigen Campingplatz mein Zelt auf.

02.05.2026

„You’re my Hero“, entgegnet die Ukrainerin, die hier mit ihrer Schwester unterwegs ist, nachdem sie sich entschuldigend nach meinem Alter erkundigt hat. Sie zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht und die Plackerei ist für einen Augenblick vergessen. Beide Schwestern äußern sich hoffnungsvoll, dass es eine positive Zukunft für ihr Land gibt. Die eine ist schon vor drei Jahren mit ihrem Mann nach Spanien geflogen, die andere mit ihren Eltern im Land geblieben.
Der heutige Wegabschnitt ist herausfordernd und verlangt die volle Konzentration. Er ist völlig anders, als die Wanderwege in Deutschlands Mittelgebirgen. Ich folge der Küstenvariante des Lykischen Wegs und Weg klingt deutlich verharmlosend. Es gibt Passagen, die für geübte Klettefreaks leicht sein mögen, für mich sind sie grenzwertig. Felsabschnitte müssen kletternd überwunden werden und der Rucksack macht es nicht leichter.


Am Mittag erreiche ich einen unbebauten Sandstrand, der zu einer Rast einlädt.

Auch der weitere Weg an der Küste bleibt herausfordernd. Dann geht es eine gefühlte Ewigkeit äußerst steil nach oben. Als ich erschöpft auf den ursprünglichen Weg treffe, bekomme ich inmitten freilaufender Hühner und Enten vom Hausherren einen Gözlemir gebacken. Der Hahn kommt immer wieder an meinen Tisch und schaut skeptisch, was ich dort wohl esse. Der kleine Hund versucht direkt hochzuspringen, was ihm aber nicht gelingt. Es folgt ein fast normaler Wanderweg. Das letzte Stück meiner heutigen Etappe laufe ich gemeinsam mit einer Ziegenherde, die von der Bäuerin lautstark angetrieben wird.

03.05.2026

Mit beiden Händen klammere ich mich in Felsspalten fest, an den Blick in die Tiefe gewöhne ich mich nur langsam. Es ist nur eine kurze Kletterpassage aber die hat es in sich. Heute morgen ging es relativ entspannt los und ich kam gut voran mit fantastischen Ausblicken. Später wurde es wieder zunehmend anspruchsvoller.

Jetzt sitze ich frierend und nass mit acht Kasachen unter einem notdürftig zusammengezimmerten Vordach, das den heftigen Regen nicht komplett abhält. Wir bekommen einen türkischen Pfannkuchen (Gözlemir) und gewöhnungsbedürftigen türkischen süßen Kaffee . Eine sechsköpfige Familie lebt hier zusammen in einem Raum, der nicht größer als zehn Quadratmeter ist, die Verkleidung und die Fenster bestehen aus Plastikfolie. Qualm dringt aus dem einzigen Zimmer – ein Wunder, dass sie nicht ersticken, ein kleines Mädchen wurde schon in das alte Auto ausgelagert, das vor der Tür vor sich hin rostet. Es hat einen Temperatursturz in den niedrigen einstelligen Bereich gegeben. Kurz bevor ein langer Abstieg begann, brach ein heftiges Gewitter mit Blitz und Donner los. Dazu prasselten Hagelkörner lautstark auf meine Regenjacke. So beschloss ich zurückzulaufen zu eben diesem kleinen Haus und warte nun zitternd auf besseres Wetter.

Es wird immer kälter und ich beschließe, mich warmzulaufen. Glück gehabt. Es hört tatsächlich auf zu regnen und der starke Wind trocknet den Untergrund relativ schnell. Glücklicherweise, denn nun beginnt der Abstieg über Felsen und Geröll. Das ist so schon ziemlich rutschig und wäre bei Nässe für mich wahrscheinlich nicht machbar gewesen. Ich werde mit einem schönen Platz mit Meerblick belohnt.

04.05.2026

„Die Karte gibt es nicht zurück“, erklärt der Bankangestellte, “ ich werde sie vernichten“, ergänzt er. Ich wollte Geld abheben, steckte die Karte in den ATM, aber es tat sich nichts, egal auf welchen Button ich drückte, die Karte blieb im Apparat. Panikartig stürzte ich in die Bank, die glücklicherweise geöffnet hatte, erklärte mein Problem und tatsächlich ließ sich das Gerät von innen öffnen. Meine Karte kam zum Vorschein und freudig dankend streckte ich meine Hand entgegen. Aber nein. Es folgte ein zehnminütiges Telefonat mit dem oben erwähnten Resultat. Ich argumentiere, erkläre, bettel, drohe mit der Polizei. Der Mann bleibt unbeeindruckt. „Warum?“ „Das sind die Regeln!“ „Das kann nicht sein, das ist meine Karte.“ „Das sind die Regeln!“ Ich zücke meinen Ausweis und halte ihn dem Mann vor die Nase. “ Auf deiner Karte ist kein Name, das nützt nichts“, meint er, „ich werde sie vernichten!“. Ich zeige ihm, wo mein Name steht, er vergleicht ihn und … gibt mir die Karte zurück.15 Minuten echte Panik.


Vitamin D gibt’s heute reichlich. Kaum zu glauben, dass ich gestern noch vor Kälte gezittert habe. Es gibt tatsächlich für einige Kilometer einen normalen Wanderweg – eine Wohltat für Knie- und Fußgelenke. Vom felsigen Abstieg aus öffnet sich der Blick über Gewächshäuser so weit das Auge reicht. Die verderben den Blick den ganzen Tag über.

Xanthos ist die Hauptstadt und ein Heiligtum des Lykischen Bundes. Die beeindruckenden gut erhaltenen Ruinen liegen direkt auf meinem Weg. Seit 2000 vor Christus war dieser Ort bewohnt. Die Perser waren hier und Alexander der Große hat die Stadt erobert. Und jetzt bin ich hier und laufe durch die mächtige Anlage.Viele Fundstücke aus Xanthos sind im Britisch Museum in London ausgestellt. Das große Römische Theater zeugt von einer Zeit, in der hier wohl viel los war.

Es geht nun eine zeitlang an der Straße entlang. Dort treffe ich eine türkische Medizinstudentin, die mich begleitet und es entwickelt sich ein interessantes Gespräch. Sie hat sich heute ihr erstes Tattoo stechen lassen, das sie vor ihren Eltern verheimlichen muss. So etwas passt nicht zum muslimischen Elternhaus. Sie selbst ist auf Sinnsuche. Unsere Wege trennen sich als ich einen Platz für mein Zelt suche, sie hat nur eine Hängematte dabei. Ich schlafe früh, werde durch das Knallen eines Schnellfeuergewehrs geweckt, zumindest denke ich, dass es das ist. Es wiederholt sich, es ist kein Feuerwerk zu beobachten, wie ich gehofft habe. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.

05.05.2026

Reinhold Messner wäre stolz auf mich. Anspruchsvoll ist meines Erachtens ein untertriebenes Adjektiv für diese Wanderung, die eben aber auch viele Highlights aufweist. So balanciert man längere Zeit über die Mauer einer antiken Wasserleitung die über ein Viadukt führt und zu beiden Seiten den Blick in die felsige Tiefe lenkt.

Der Wasserlauf, dem ich dann folge, ist dschungelartig überwuchert. Ich kämpfe mich durch und hole mir dabei nasse Füße. Beende den Tag in Kalkan.

06.05.2026

Von Kalkan an gibt es nur eine Marschrchtung: berghoch. 800 anstrengende, schweißtreibende Höhenmeter am Stück bis zu einer Hochebene. Der Entschluss, weiterzulaufen fällt mir heute morgen schwer.
Die Mühen werden mit spektakulären Ausblicken belohnt.

Der Weg ist zunächst nicht als solcher zu erkennen. Trotz Navi verlaufe ich mich einige Male und schlage mich durch dichtes, stacheliges Strauchwerk bis Arme und Beine völlig zerkratzt sind. Überraschend folgt ein richtiger Weg, zwar steil und steinig, aber gut zu begehen

Problemlos komme ich dann zum Etappenziel, einem einfachen, kleinen Campingplatz und schon von Weitem tönt mir Pink Floyd entgegen.

Mit den beiden anderen Gästen, einer deutschsprachigen Chinesin, May, und einem deutschsprachigen Bayern, Karl, sowie dem Besitzer und seinen Katzen verbringe ich einen gemütlichen Abend.

07.05.2026

Unterwegs treffe ich die beiden wieder und wir laufen die heutige sehr schöne, relativ kurze, aber dennoch sehr anstrengende Etappe gemeinsam. Zwischendurch werden wir vom Ziegenhirten Hüseyin und seiner Frau zum obligatorischen Chai – starker schwarzer Tee, zur Hälfte vermischt mit Wasser – und Ayran eingeladen. Eine Bezahlung wird trotzdem erwartet, das Erlebnis ist es allemal wert.

In einem kleinen Ort backt uns eine Türkin den traditionellen Gözlemir, der nur aus Mehl, Wasser und Salz auf einem Holzfeuer gemacht wird. Gefüllt wird er mit Lauch und etwas Käse.

08.05.2026

Wir beschließen, zusammen weiterzulaufen, das gibt etwas mehr Sicherheit, falls etwas passiert, da es weiterhin felsig und steil bleibt. Der heutige Weg ist sehr lang, lässt sich aber recht gut laufen.

Er führt mitten durch die antike Stadt Phellos, die nach dem Kampf durch die stachelige Machia plötzlich auftaucht. Man erwartet nicht, dass man hier auf fast eintausend Metern Höhe Zeuge einer lange vergangenen Zivilisation wird. Die Stadt war bedeutend für Kunst, Architektur und Handel und ist heute völlig überwachsen. Man erreicht sie tatsächlich nur über diesen schwer zu gehenden Weg und steigt dann über die Steinfragmente. Außer uns gibt es keine anderen Menschen hier.

Die Lykier setzten hier in ihrer etwa tausendjährigen Geschichte gewaltige Städte in die Landschaft – Xanthos, Patara, Myra, Olympos. Machtzentren, die sie bis zur Eroberung durch das Römische Reich 43 n. Chr. halten konnten. Viel weiß man nicht über sie, ihre Orte wurden von späteren Schichten überlagert, Kirchen auf Tempel gebaut. Erhalten sind vor allem die monumentalen Sarkophage, die – für die Ewigkeit geschaffen – heute wie Fremdkörper am Wegesrand stehen.

An der ersten Unterkunft, die wir abends erreichen, dürfen wir die Zelte aufschlagen, obwohl das dort nicht vorgesehen ist.

09.05.1926

Die berüchtigten wilden Hunde sind mir bisher nicht begegnet, aber heute begleiten und dann eine Zeitlang zwei ausgesprochen freundliche große Bellos.

Irgendwann sind sie verschwunden, ohne dass ich es bemerkt habe.

Heute ist die kürzeste Etappe bisher und sie verläuft zunächst über eine Hochebene, bevor es fünfhundert Höhenmeter steil bergab in das touristische Kas geht.

Um Schlangen zu fotografieren bin ich definitiv zu langsam, sie haben mehr Respekt vor Menschen als umgekehrt. Schildkröten hingegen posieren gerne für ein Foto und lächeln in die Kamera. In den Bergen trifft man diese netten Tiere häufig. Oft sitzen eine Reihe dicker Zecken auf deren Panzer.

10.05.2026

Heute lege ich einen Urlaubstag ein. Kas ist sehr touristisch, aber es tut gut, hier am Hafen unter schattenspendenden Bäumen an der Hafenpromenade zu sitzen, durch die Cafés zu ziehen und Attraktionen anzuschauen.

Auch Kas wurde schon in der Antike von den Lykiern gegründet, auch hier gibt es Überbleibsel aus alter Zeit, zum Beispiel ein Amphitheater.

Egal wo ich bin, überall singt der Muezzin seine Lieder, an die sich meine Ohren nicht gewöhnen wollen. Er ist allerdings nicht tatsächlich auf dem Turm der Moschee. Stattdessen sind diese schrecklichen Lautsprecher-Tröten installiert, die an sich schon schrecklich klingen und durch die hohe Lautstärke zusätzlich verzerren. Der erste Aufruf erfolgt pünktlich um fünf Uhr morgens, jeden Morgen, auch hier.

11.05.2026

Der Erholungstag hat gut getan. Ich verabschiede mich wieder von Autos, Hotelanlagen und Stimmengewirr. Ich bin verschwitzt, der Rucksack klebt auf meinem Rücken, das Abenteuer geht weiter. Karl hat sich verabschiedet und ich ziehe gemeinsam mit May weiter. Es ist wieder eine Kletterpassage mit teilweise sehr engen Stellen, vorbei an Traumbuchten entlang der Küste. Es gilt tiefe , eindrucksvolle Grotten zu überwinden. Für zwanzig Kilometer brauchen wir zehn Stunden.

Am Abend lassen wir uns müde auf dem kleinen Campingplatz bekochen. Hier findet sich in der großen Küche eine illustre Schar an Wanderern zusammen. Zwei junge Neuseeländer, zwei junge Türken, von denen einer in den Niederlanden lebt, das Hausbesitzerehepaar und eben wir, die Chinesin, die ich wiedergetroffen habe und ich. Es entwickelt sich ein interessantes Gespräch über die unterschiedlichen Kulturen.

12.05.2026
Normale Wege zu gehen ist eine Wohltat für Füße und Gelenke und vor dem Frühstück lege ich schon fünfzehn Kilometer zurück.

Nach langen Verhandlungen lasse ich mich mit einem alten Boot entlang antiker Ruinen und einer versunkenen Stadt bis Demre bringen. Die Wellen bringen den alten Kahn an seine Grenzen. Er ächzt und knackt, ich überlege schon, ob ich es schwimmend ans Ufer schaffe, aber die Sorge ist unbegründet.

13.05.2026
In Anbetracht dessen, dass die nächsten drei Etappen zu den härtesten gehören, lege ich einen Sightseeingtag ein. Demre hat sich um das antike Myra angesiedelt und wird nur von Tagestouristen besucht, die kommen, um die berühmten Altertümer zu besichtigen. Besonders imposant sind die in steil abfallende Felswände gehauenen Grabhöhlen und Felsgräber, sowie das gut erhaltene Amphitheater.

Myra war eine der Hauptstädte des Lykischen Bundes und hatte schon eine vorbildliche Wasserversorgung. Später veranstalteten die Römer hier Gladiatorenkämpfe und noch später war der heilige Nikolaus, eine der Hauptpersonen bei Milka, Bischof von Myra.

Vor einigen Tagen kam ich in Meersnähe an altertümlichen Ruinen vorbei. Beim Blick in die Höhlen dort konnte ich sehen, dass hier Menschen gelebt haben müssen. Der Boden war mit Stroh und Schläuchen alter Autoreifen bedeckt. Auf dem Weg nach oben, fanden sich Decken und Rucksäcke von Hilfsorganisation, sowie Kleidungsstücke. Alles schwer zugänglich und weit ab jeglicher Siedlungen. Erst im Nachhinein wird mir klar, dass ich hier wahrscheinlich auf Überbleibsel ärmlichster Flüchtlingsunterkünfte gestoßen bin. Das hinterlässt ein übles Gefühl.

14.05.2026

Von Demre aus geht es in die einsame Bergwelt ohne Geschäfte oder offizielle Übernachtungsmöglichkeit, wahrscheinlich auch ohne Internet. Ich muss nun Wasser und Verpflegung für die nächsten drei Tage mitschleppen. Die erste Etappe ist relativ kurz, es sind aber immerhin schon siebenhundert Höhenmeter zu bewältigen.

Es gibt einen traumhaften ebenen Platz für das Zelt inmitten einer Burgruine, die man allerdings nur kletternd erreicht. Eine Schlange sucht schnell das Weite, als ich das Zelt aufschlage.

Außerdem gibt es doch noch eine Wasserstelle in der benachbarten kleinen Siedlung. Erstaunlich, dass hier die Existenz der Burg nicht bekannt ist. Der Muezzin ruft aus der Ferne zur Nacht. Ein Minarett gibt es hier oben nirgendwo, sein Gesang scheint direkt aus dem Universum zu kommen

15.05.2025

Eine Burg liegt in der Regel auf einem Berg, diese auch. Also muss ich erstmal eine halbe Stunde runterklettern, einen Weg gibt es nicht, zumindest habe ich keinen gefunden. Jetzt noch Wasser in den Rucksack, damit es ja nicht zu leicht wird und los auf den Incegeris-Tepesi-Grat mit 1636 Metern. Der Aufstieg ist so steil, dass sich selbst für eine Rast wenig Plätze finden. Wohltuend ist, dass sowohl am Anfang wie auch am Ende hohe alte Kiefern Schatten spenden, denn es ist selbst morgens schon ziemlich warm. Das Laufen ist tatsächlich so anstrengend, wie es die Wegbeschreibung erahnen ließ. Nur zu Fuß erschließen sich aber die Kostbarkeiten dieser Gegend: Nach vier Kilometern tauchen plötzlich die Überreste einer monumentalen Kirche auf.

Auch vorher schon standen wieder einige dieser aus Stein gehauenen Sarkophage am Wegesrand. Einige Ziegen beäugen mich neugierig und ein uralter Ziegenhirte begrüßt mich freundlich und strahlt vor Glück, als ich ihm zwei meiner reichlich vorhandenen Nussriegel schenke. Der Weg ist sehr schwer zu finden und trotz meiner zwei Navis verlaufe ich mich dreimal.

Jetzt bin ich oben, der Ausblick ist überragend. Trotzdem verkrieche ich mich schon früh in meinen Schlafsack. Es ist kühl, ich bin absolut fertig und ich pflege mein Knie, das ich mir bei einem leichten Sturz etwas verdreht habe.

16.05.2026
Frieren, schwitzen oder beides gleichzeitig – keine schöne Nacht. So geht es früh los. Der Abstieg auf der anderen Seite, 1670 Höhenmeter, nach Finike sind auf 19 Kilometer verteilt. Dadurch ist es meistens nicht so extrem steil und es gibt auf der Hälfte der Strecke normale, wenn auch enge Wege, teilweise sogar im Schatten. Natürlich bleiben auch hier die Ruinen der Vergangenheit nicht aus. Anstelle der Römer haben diese allerdings die Ziegen erobert.

Die letzten fünf Kilometer sind herausfordernd. Kletternd geht es durch einen ehemaligen Flusslauf, wo das Wasser eine Fantasy-Landschaft aus glattgeschliffenen Steilwänden, riesigen Felsblöcken, Höhlen und Grotten geschaffen hat. Verlaufen kann man sich hier nicht, man muss aber höllisch aufpassen.

17.05.2026
Fast jeden Tag, wenn man sich Ortschaften nähert, stößt man auf Bäume mit reifen Mispeln, die ich aus Portugal unter dem Namen Nesperas kenne und in der Türkei Yenedünia heißen. Die gelben Früchte sind saftig und nach einem langen Wandertag überaus erfrischend.

Manchmal bekommt man sie auch angeboten. Auch die Maulbeeren sind reif, bekleben und verfärben die Finger ungemein. Ich stopfe unglaubliche Mengen dieser Früchte in mich hinein.
Die heutige Etappe überspringe ich mit Bus und Taxi, da sie über dreißig Kilometer an stark befahrenen Straßen entlang führt. Ich gehe nur ein kleines Stück entlang der schönen Küste und schlage mein Zelt auf einem sehr einfachen, aber direkt in einer traumhaften Bucht gelegenen Campingplatz auf. Mit Musik und Blick aufs türkisblaue Meer regeneriere ich meinen strapazierten Körper.

18.05.2026
Meeresrauschen in den Ohren, entlang eines schattigen, gut ausgebauten Weges, im duftenden Kiefernhain, den Blick auf das glasklare Wasser: so fliegen die ersten fünf Kilometer förmlich dahin. Es ist für mich die schönste Etappe bisher.

Natürlich gibt es auch wieder die Höhenmeter – zwei Berge gilt es zu überwinden, aber ich bin früh losgekommen, ausgeruht und kann die Aufstiege genießen. Diese Halbinsel ist als Nationalpark besonders geschützt und bietet vielen Tierarten, wie Wolf, Meeresschildkröte, Igel und besonderen Salamandern Schutz. Schon am frühen Nachmittag erreiche ich Adrasan, beziehungsweise dessen Stand. Die Bucht ist eigentlich wunderschön, doch touristisch völlig abgefuckt. Ein Boot neben dem anderen wartet auf die Touristenbusse, um die Leute zu irgendwelchen Inseln zu fahren.

Ich gehe in das erstbeste Restaurant und bekomme zum ersten Mal schlechtes, überteuertes Essen. Der Ort ist eine große Baustelle, alles soll wohl vor der Saison aufgehübscht werden. Ne, hier bleib ich nicht. In einem Minimarkt decke ich mich mit Köstlichkeiten ein, ziehe drei Kilometer weiter und genieße mein Abendessen direkt an einem Bergbach, in dem ich mich erfrischen und waschen konnte. Dummerweise habe ich mich erkältet.

Auch Ümid, die Bergschildkröte guckt vorbei.

19.05.2026

Wie soll es auch anders sein: berghoch, aber ungefährliche Pfade durch schattige Kiefernwälder.

Berg runter zur nächsten Lykischen Hauptstadt Olympos wird es herausfordernder, aber die Vegetation und Landschaft sind vielseitig und weiterhin schattig. Ich bin begeistert.

Als ich gerade meine Kaffeepause starte greifen mich etliche Tigermücken an und alle sind sie scharf auf mein Blut, als wenn ich nicht schon genug juckende Stiche hätte. Trotz der Hitze ziehe ich meine dicke Fleecejacke über und den Hut auf. Gemütlich ist das nicht. Deshalb schnell zur antiken Stadt. Aber halt. Bei meiner ersten großen Fahrradtour bin ich am Olymp vorbeigekommen und das war definitiv in Griechenland. Auch die olympischen Spiele sollen da ihren Ursprung haben. Nun, auch auf den Bergen hier haben Götter gewohnt und mangels anderer Ideen haben die Lykier das einfach abgekupfert. Der Weg führt mitten hindurch zum Strand. Hier ist alles touristisch erschlossen, es giebt große Parkplätze. Olympos ist groß, aber nicht sehr gut erhalten, es wird weiterhin daran gearbeitet, die Ausgrabungen schreiten voran.

Die antike Stadt liegt aber außerordentlich schön an beiden Seiten eines Flusses, eingerahmt von Felsen und auslaufend zum Meer. Nur wer Eintritt zahlt, darf durch, auch wenn man nicht geschichtsinteressiert ist. Der lange Strand liegt in der traumhaften Bucht von Cirali und in Strandnähe finde ich den schönsten und saubersten Campingplatz bisher.

Cirali ist angeblich das Mekka der Individualreisenden und hat tatsächlich einen ganz eigenen Charme.

20.05.2026

Der Campingplatz ist wirklich schön – findet der Hahn auch, der das fünf Meter neben meinem Zelt um die Wette mit anderen Hähnen morgens um vier hinausposaunt. Pausen hat er offensichtlich nicht eingeplant. Egal wie tief ich die Stöpsel in die Ohren drücke, das Krähen ist nicht zu eliminieren und nervt. Ich bin erkältet, es regnet – ich bleibe in dem netten Ort. Richtige Entscheidung, in den Bergen gibt es ein Gewitter und das muss ich nicht haben. Jetzt kommt die Sonne wieder raus und ich begebe mich an den Strand.

Direkt hinter meinem Zelt scheint eine Wasserleitung geplatzt zu sein und jetzt schachten sie da aus. Stress. Nach langen Diskussionen mithilfe des Translaters bekomme ich mein Geld zurück, aber keine Ruhe.

21.05.2026

Kraxelnd über felsige Pfade in einem stetigen Auf und Ab komme ich von einem einsamen Strand zum nächsten. Es gibt noch viele idyllische Plätze.

Beim Näherkommen vergeht aber die Lust, sich ins kühlende Nass zu stürzen: Die gesamte Länge des Standes ist gesäumt von zermahlenen Plastikflaschen – eine absolute Umweltkatastrophe.

Dann gibt es einen fünfzehn Kilometern langen gut ausgebauten Wanderweg auf dem ich richtig Tempo machen kann.

22.05.2025

Der Wetterbericht sagt für die kommende Nacht und den Tag Regen und mögliche Gewitter voraus. Deshalb ändere ich meine Etappe und gehe vom geplanten Ziel Kuzdere noch fünf Kilometer weiter bis in den Ort für Pauschaltouristen schlechthin: Kemer. Hier gibt es eine große Auswahl an guten, preiswerten Hotels. Aber zuvor muss natürlich der obligatorische Berg überwunden werden, 630 Höhenmeter hoch und wieder runter.

Mittags schon grollt der Donner weit über mir in den hohen Bergen, die bereits in dunklen Wolken verschwinden. Ich bin froh, das ich die Küstenvariante des Weges gewählt habe und nicht dort oben irgendeinen Unterschlupf suchen muss.

23.05.2026

24.05.2026

Da ich zwei Etappen ausgelassen habe und nur Abhängen etwas langweilig ist, schließe ich eine Wanderung an. Göynük war mein ursprünglich geplanter Abschlussort und dort, beziehungsweise etwas weiter habe ich ein Hotel am Meer gebucht, was gar nicht so leicht war. In der Türkei sind seid gestern Ferien und vieles ist plötzlich teurer oder ausgebucht. Mein jetziges Hotel hat die Preise heute verdoppelt und ist trotzdem ausgebucht. Booking.com funktioniert nicht mehr, ist wahrscheinlich überlastet. Ich laufe allerdings nicht durch die Berge, sondern einfach den Straßen entlang.

25.05.2026

Gestern war Regen und Gewitter angesagt, es sah auch stark danach aus und donnerte, aber der Regen blieb aus. Jetzt will ich endlich mal in Meer schwimmen, aber es regnet und donnert. Die fünfzehn Kilometer zum all-inclusive-Hotel sind am Mittag Vergangenheit, sodass ich mich noch an den Resten des Buffets bedienen kann. Das Hotel hat seine besten Tage hinter sich, ist ziemlich abgerockt, hat aber einen eigenen Strandzugang und ist billig. Morgen werde ich dann Richtung Antalya aufbrechen.

Gegen Abend hört es auf zu regnen und ich springe tatsächlich noch ins Meer. Das Wasser hat eine angenehme Temperatur, es kostet keine Überwindung, hineinzugehen.

25.05.2026

Morgens komme ich nicht umhin, die Hotelanimation am Strand zu beobachten. Ich gehe noch einmal schwimmen bevor ich die kurze Wanderung zur Haltestelle antrete und dann mit dem Bus zunächst zum großen Bus-Terminal Antalyas fahre, wo ich mein verstecktes, nicht benötigtes Kocherzubehör wiederfinde. Meinen Rucksack deponiere ich in dem sehr kleinen, aber sauberen neuen Hotelzimmer und kann in Ruhe die Stadt erkunden. Der Besitzer des geschmackvollen Hotels ist Deutscher und er erzählt von seinem Leben in der Türkei – er klingt begeistert.
Die Altstadt Antalyas ist überaus sehenswert. Im Park, mit Blick aufs Meer finde ich schöne Plätze zum Relaxen und kann dem quirligen Treiben der Großstadt entkommen.