Coast to Coast Walk, England, 315 km, Juni 2025

Einmal quer durch England – vom Wind der Irischen See bis zum Rauschen der Nordsee. Der Coast to Coast Walk ist ein Fernwanderweg im Norden Englands. Er verbindet die West- und Ostküste auf einer Strecke von etwas über 300 km, durchquert die Nationalparks Lake District, Yorkshire Dales und North York Moors und bietet so einen Querschnitt durch die wunderschönen Landschaften Nordenglands. Dabei verläuft er fast exakt in Ost-West-Richtung, von St. Bees an der Irischen See bis Robin Hood’s Bay an der Nordsee. Der Coast to Coast Walk wurde zusammengestellt vom kauzigen britischen Wanderschriftsteller Alfred Wainwright. Dieser arbeitete 13 Jahre lang gewissenhaft und mit großer Sorgfalt an seinen Büchern und stellte jeden Tag eine Seite fertig. Dabei schrieb er sämtlichen Text mit der Hand und arbeitete so genau, dass der Text wie im Blocksatz erscheint. Jedes Kapitel ist mit zahlreichen Ansichten, Anstieg- und Detailskizzen des jeweiligen der von Wainwright klassifizierten 214 Gipfel versehen. Ob dieser Weg tatsächlich „einer der schönsten Wanderwege der Welt“ ist, bleibt Ansichtssache. Doch schön ist er zweifellos – herausfordernd, abwechslungsreich und von großartiger Landschaft geprägt. Die Wege sind sehr verschieden – mal alpin, mal geradeaus und leicht zu laufen. Bekanntermaßen ist das Wetter in England oft nass – das trifft besonders auf den Lake-District zu. Also sollte man sich davon nicht entmutigen lassen. Man trifft viele nette Menschen und lernt andere Wanderer kennen.

Dieses Mal gehe ich zunächst nicht allein, sondern in Begleitung meiner Tochter Layla und meinem Sohn Noel.

14.06.2025

Seit Vorgestern bin ich schon in Northshields und heute morgen fahren wir mit dem Zug, der erstaunlicherweise absolut pünktlich kommt, nach St. Bees, wo der Weg beginnt.

Die ersten Kilometer entlang der Steilküste sind atemberaubend und anstrengend zugleich. Als der Weg ins Landesinnere führt, beginnt der Regen. Wir schlagen die Zelte nach 20 Kilometern auf einem einsamen Schotterplatz auf. Hier kommen in der Nacht garantiert keine Wanderer oder Autos vorbei. Dachten wir. Das erste Auto mit Hundehalter kommt um 4:00 Uhr und fährt um 5:30 Uhr als die nächsten zwei kommen. Die begrüßen uns freundlich und freuen sich mit uns, dass das Wetter nach einer regnerischen Nacht gut zu werden scheint.

Wild zu zelten ist in Großbritannien nicht ausdrücklich erlaubt, aber oft möglich und immer wieder finden sich sehr idyllische Plätze

15.06.2025

Der weitere Weg nach Ennerdale Bridge ist landschaftlich außerordentlich reizvoll, das Wetter auch. Hier bekommt man ein leckeres Frühstück und kann die Sachen trocknen. Weiter geht es entlang eines großen Sees mit Alpenpanorama und spektakulärer Landschaft, auch wenn Nebel und Regen uns leider die Sicht nehmen.

Man sagt uns, am Nachmittag soll es schön werden. Eine glatte Lüge. So behalten wir auch bei der nächsten Pause unsere Regensachen an. Ein Restaurant, Geschäft oder Café kommt nicht mehr.
Durchnässt und müde erreichen wir ein uriges Haus, dass sich als Herberge entpuppt.

Obwohl wir noch keine Tagesetappe gemacht haben, beschließen wir, hier zu bleiben. Es ist schon warm drinnen und wir kommen sofort mit den Leuten, die hier nächtigen ins Gespräch. Leider sind die wenigen Schlafplätze, die es hier gibt ausgebucht. Der Betreiber erlaubt uns auch nicht hier zu zelten und Essen will er uns auch nicht verkaufen. So ziehen wir schweren Herzens weiter. Auf Komoot war die heutige Tour als schwer beschrieben und so wird es auch jetzt. Es geht steil über Felsenstufen bergauf, immer begleitet vom lauten Rauschen eines Bergbachs.

Als wir nicht mehr können, erreichen wir ein Plateau, das wir von dicken Steinen befreien, um unsere Zelte irgendwie auf dem nassen Untergrund zusammenzuquetschen. Pitschnasse Füße haben wir schon lange, jetzt muss ich feststellen, dass mein Rucksack trotz Regenhülle nicht dicht war und meine sauberen Sachen nass sind. Es hört aber erfreulicherweise auf zu regnen und nach einem wärmenden Tee kriechen wir in unsere Schlafsäcke.

Warum tut man sich so etwas freiwillig nur an.

16.06.2025

Die Antwort gibt es am Morgen. Schon um sechs Uhr begrüßt und ein strahlendblauer Himmel und entschädigt uns für den beschwerlichen Nachmittag. Der Ausblick ist wunderschön. So verbringen wir noch ein paar Stunden hier bis alle Sachen getrocknet sind.

Die Sonne begleitet uns den ganzen Tag. Das letzte steile Stück ist schnell geschafft und dann wird der Weg leichter und wir sehen von oben die Landschaft und Seen, deren Anblick und gestern verwehrt blieb.

Eine ehemalige Grube, die man besichtigen kann, mit einem angegliederten Steinbruch, ist jetzt ein Outdoor-Center und wir bekommen dort ein leckeres Frühstück. Der nächste Ort besteht nur aus wenigen alten schönen Häusern. Der angekündigte Hofladen bietet leider nur einige Dosensuppen und Fertignudeln – besser als nichts.


Das letzte Stück unserer heutigen Etappe geht dann wieder steil nach oben. Wir finden rechtzeitig einen traumhaften Zeltplatz direkt am Bergbach.


Der Wind schüttelt das Zelt in der Nacht kräftig durch. Es fängt an zu regnen.

17.06.2025

So fällt es schwer, morgens den schönen Platz zu verlassen und das pitschnasse Zelt einzupacken.


Bis zum Gipfel ist nun häufig klettern angesagt. Es ist sehr kräftezehrend, ein Weg kaum zu erkennen. Wie an den vergangenen Tagen müssen häufig Gebirgbäche überquert werden.

Mittags erreichen wir einen touristischen Ort, Layla beschließt die Tour abzubrechen und zu zweit wandern wir weiter. Noch einmal kommt ein kräftiger Anstieg, der uns nach einigen Stunden zum Gipfel füht, wo wir auf einen erstaunlich großen wunderschönen See treffen.

Es hat aufgehört zu regnen, aber es ist zu nass, um hier zu campieren. So ziehen wir weiter, bis wir spät abends das Hostel mit Campingplatz erreichen. Leider gibt es beides seit einem Jahr nicht mehr. Wir sind ziemlich geschafft, was uns die Familie, die dort an einem Grill sitzt, wohl ansieht. Sie bieten uns an, auf dem ehemaligen Campingplatz zu übernachten und so haben wir den gesamten Platz für uns allein. Leider ohne warme Dusche.

18.06.2025

Der Platz ist schön und das Wetter ist heute gut.

Es geht direkt bergauf und zwar noch höher als gestern. Von oben sieht man, warum die Gegend Lake District heißt: ein See nach dem nächsten.

Tags darauf geht es bei sommerlichen Temperaturen direkt bergauf, und zwar noch höher als gestern. Von oben sieht man, warum die Gegend Lake District heißt: ein See nach dem nächsten. Der Weg ist anstrengend, aber technisch nicht schwer. Der Abstieg hingegen birgt einige schwierige Passagen und führt zu einem riesigen Stausee. In einem Wäldchen steht eine Kühlbox mit Getränken, an der wir uns freudig bedienen. Als es Zeit für die Nachtruhe wird, entdecken wir am Gartentor eines schönen Hauses ein kleines Schild: Wenn du campieren willst, komm ruhig rein. Der Hund bellt wie verrückt, ist aber harmlos – so ist es dann auch.

Die Tür des Hauses steht offen und wir treffen auf einen alten gnomähnlichen Mann mit langem Bart. Er erzählt, dass er sehr krank sei und kaum noch laufen könne. Das Badezimmer sei die zweite Tür rechts und das Zelt können wir im wunderschönen Garten beim Wasserfall aufbauen. So haben wir wieder einen Platz für uns allein. Alles wirkt hier, wie aus einem Fantasy-Roman entnommen und es verwundert nicht, dass dieser alte Kauz einen weitläufigen Hobbit-Pfad angelegt hat. Leider gibt es, wie an den letzten Abenden auch, zahlreiche Midges, die Minifliegen, die und belästigen.

19.06.2025

Keine Wolke mehr am Himmel und für die nächsten acht Kilometer keine Berge. So kommen wir ohne Probleme nach Shap, wo es ein Geschäft und ein Cafe gibt. Die Landschaft hat hat sich verändert.

Der weitere Weg von Shap wirkt wüstenartig – endlose Wiesen, Steine und niedrige Sträucher.

Wir kommen schließlich an einem Farmcamping unter. Der ausgesprochen nette Farmer zeigt uns unseren Platz mit dem angeblich besten Ausblick im Lake District. Man kann tatsächlich sehr weit blicken und die Berge sehen, aber spektakulär ist das nicht. Das Besondere, erklärt er, ist, dass es kein Haus, keine Straße, kein Licht, nichts außer Schafen gibt, so weit das Auge reicht, und es reicht wirklich weit. So genießen wir den lauen Sommerabend.

20.07.2025
Auch der weitere Weg führt weitgehend über Wiesen. Die einzige Konstante auf dem bisherigen Weg sind die Schafe. Sie sind überall, selbst an den steilen Felsen. Auch einige Punks sind darunter.

Erst die letzten paar Kilometer sind wieder etwas hügelig.

So erreichen wir am frühen Nachmittag Kirkby Stephen, wo ich Klamotten waschen und endlos duschen kann. Noel muss morgen mit dem Zug zurück nach Newcastle. So verbringen wir den restlichen Tag in diesem recht schönen Ort und lassen uns bedienen.Hier treffen wir einige Wanderer, mit denen man schnell ins Gespräch kommt. Die meisten machen die selbe Tour und einige treffe ich mehrmals wieder.

21.06.2025

Gerade erlebe ich das heftigste Gewitter seit Jahren, mächtig furchteinflolößend und das im Zelt. Ich mache mich klein, lange habe ich nicht mehr solche Angst gehabt.
Obwohl ich spät losgekommen bin, bin ich gut vorangekommen. Noel und ich haben noch in aller Ruhe zusammen gefrühstückt, bevor wir uns verabschiedet haben und ich allein weiterziehe. Es geht nun in die Pennines, das heißt bergauf, aber der Weg ist leicht zu gehen und bietet keine besonderen Herausforderungen.

Die Landschaft verändert sich deutlich, wird hügelig. Hier gibt es wieder mal nichts, keine Straße, kein Haus, kein menschengemachtes Geräusch, keinen Baum und keinen Handyempfang.

Der Wetterbericht hatte Regen angekündigt, der bis auf wenige Ausnahmen ausbleibt. So erreiche ich schon gegen 16:00 Uhr das angepeilte Etappenziel bei gutem Wetter. Ob ich ein Gewitter auf dem Campingplatz hier erlebe oder sonstwo, ist doch gleich, denke ich, und ziehe weiter, um noch ein paar Kilometer zu machen. Jetzt bin ich unsicher, ob das eine gute Idee war.
Es ist vorbei, hoffentlich endgültig. Ich bade im erfrischenden Bach – mein Zeltplatz ist wieder idyllisch.

22.06.2025

Ich komme früh los und erreiche Reeth, die nächste Station, schon vor Mittag. So kann ich nach einer langen Erholungspause mit der vegetarischen Version eines Full English Breakfast die nächste Etappe angehen.

Die Wege sind nach wie vor gut begehbar.
Mittlerweile befinde ich mich in den Yorkshire Dales. Hier ähnelt die Landschaft dem Bergischen.

Bisher gab es keinen Wald, nur einzelne Bäume, und die eher selten. Ich erreiche am Abend Richmore, eine sehenswerte alte Stadt. So habe ich nun drei der vorgegebenen Etappen in zwei Tagen geschafft.

23.06.2025

Richmond ist geschichtsträchtig mit Burganlage und vielen uralten Häusern. Nach wenigen Kilometern passiere ich die atemberaubenden Ruinen von Easby Abbey in der malerischen Landschaft von North Yorkshire am Fluss Sawle. Es ist eines der am besten erhaltenen Klöster der „weißen Kanoniker“. Die 1152 gegründete Abtei wurde 1536 aufgelöst. Die Ruinen wurden berühmt, da William Turner sie gemalt hat.

Das Wetter ist heute ideal zum Wandern, kein Regen, nicht zu heiß, nicht zu kalt. Der weitere Weg führt durch Wälder und Wiesen. In Kiplin Hall and Gardens gibt es ein Cafe. Dieses Schloss wurde 1619 für George Calvert, dem Gründer der Kolonie Maryland, USA, als Zufluchtsort für verfolgte englische Katholiken erbaut.

In Dansby ist ein schöner Campingplatz auf einer Farm und im White Swan bekomme ich ein leckeres Abendessen.

24.06.2025

Der Campingplatzbesitzer, beziehungsweise Farmer, bringt zum Frühstück ein Sandwich mit viel frischem Salat und einen ausgezeichneten Kaffee vorbei. Er ist wirklich sehr nett und hält alles super sauber. So breche ich gestärkt auf. Morgens gibt es zwischendurch einige Schauer, ab Mittag bleibt es trocken. Bewölkt und windig – ideales Wanderwetter. Tatsächlich gibt es unterwegs eine Stelle, wo der ausgeschilderte Wanderweg die Autobahn quert. Das erfordert Konzentration und so etwas habe ich bisher noch nie erlebt. Lange Zeit geht es dann über Felder, Wiesen und durch Wälder.

Am Nachmittag führen stärkere Steigungen auf die Hochebenen der North York Moors, wie ich sie schon von den Biketouren kenne. Der Ausblick ist fantastisch – die Fotos können das nicht so wiedergeben.

Früh komme ich zum Etappenziel Osmotherly, wo wir schon dreimal waren und eins der besten Restaurants genießen durften. Das ist heute leider geschlossen.

So ziehe ich weiter und erreiche nach knapp 30 Kilometern Lordstones, Restaurant, Café, Glamping und Camping in einem, wo ich bleiben und mich mit neuen Vorräten eindecken will. Leider alles geschlossen. Ich bleibe trotzdem an diesem schönen Platz und esse die Notreserve. Bei meinen Google-Recherchen stelle ich fest, dass auf den nächsten 40 Kilometern nichts außer Natur mehr kommt. So hoffe ich jetzt darauf, dass morgen früh jemand den kleinen Shop öffnet.

25.06.2025

Die Sorgen waren unberechtigt. Der kleine Shop öffnet um neun und auch im Café bekomme ich schon einen Cappuccino. Auf dem weiteren Weg gibt es ein einziges Haus und das ist ein Pub, wo man zelten und essen kann. Der höchstgelegene Pub in ganz Yorkshire.

Da bleibe ich und treffe viele der Hiker, die ich unterwegs schon kennengelernt habe. Der Weg führt den ganzen Tag über die Hochebene des Yorkshire Moor immer mit fantastischer Rundumsicht. Zunächst geht es oft steil rauf und runter, der letzte Teil folgt einer ehemaligen Bahntrasse.

… und zur Abwechslung mal ein Selfie.

Der Pub liegt irgendwo im Nirgendwo ist aber rappelvoll. Wir Hiker sitzen zusammen. Alle kennen sich schon und am Nachmittag fließen bereits die ersten Biere. Engländer können sehr laut sein und es kommt mächtig Stimmung auf. Ich verstehe nur noch die Hälfte.

26.06.2025

Die Weite des Urra Moor ist das höchste Moorgebiet im North York Moors National Park. Diese zerklüftete und windgepeitschte Landschaft ist ein stimmungsvoller, schöner und friedlicher Ort. Die lila Heide fängt an zu blühen. In zwei Wochen ist bestimmt alles lila.
Round Hill markiert mit 1.490 Fuß (454 m) den höchsten Punkt im North York Moors Nationalpark, was für unsere Verhältnisse eher niedrig erscheint. Gemeinsam mit meinen Wanderkollegen breche ich auf, nachdem es im Lion’s Inn ein reichhaltiges Frühstück gab. Jeder geht sein eigenes Tempo, man trifft sich aber immer mal wieder. Ich halte ganz gut mit und wir laufen über 30 Kilometer.

27.06.2027

Gemeinsam mit den anderen breche ich früh auf. Es ist bestes Wanderwetter. Die jungen Leute sind verdammt schnell, aber im Café treffe ich sie wieder, eine weitere Frau hat sich dazugesellt. Einer der Jungs benutzt die Strecke nur zum Aufwärmen, er geht weiter bis Schottland und macht da dann den Westhighlandway, der andere macht die langen Strecken in den USA von jeweils 6000 Kilometern.

Als ich in Robin Hoods Bay ankomme, werde ich schon am Ziel erwartet. Gemeinsam feiern wir den Abschluss der Tour.

Nach zwei Pints reicht es mir, die anderen haben schon vier und machen weiter. Nun warte ich seit drei Stunden an der Bushaltestelle.

Mit Zeltplatzsuche waren es 315 Kilometer.

Es war ein tolles Erlebnis und meine weiteste Wanderung. Der Anfang war der schwerste Teil, das schlechte Wetter hat seinen Teil dazu beigetragen. Man muss schon ganz gute Kondition und Trittsicherheit haben. Der Rucksack wird gefühlt immer schwerer. Die Landschaft ist sehenswert, oft ist man wirklich in einsamen Gegenden.

Fazit: Dieser Weg ist absolut empfehlenswert. Die Landschaften wechseln sich ab und sind oft atemberaubend schön. Auch die Wege sind sehr verschieden – mal alpin, mal geradeaus und leicht zu laufen. Bekanntermaßen ist das Wetter in England oft nass – das trifft besonders auf den Lake-District zu. Also sollte man sich davon nicht entmutigen lassen. Man trifft viele nette Menschen und lernt andere Wanderer kennen.Als ich in Robin Hoods Bay ankomme, werde ich schon am Ziel erwartet. Gemeinsam feiern wir den Abschluss der Tour.

Nach zwei Pints reicht es mir, die anderen haben schon vier und machen weiter. Nun warte ich seit drei Stunden an der Bushaltestelle.